Sage zur Klosterruine

Mitten in Arnoldstein sieht man die Ruine eines Klosters, das 1883 durch einen Brand vernichtet und nicht wieder aufgebaut wurde. In jenem Kloster gibt es schon lange Zeit keine Mönche mehr, weil Kaiser Josef II. im Lande zahlreiche Klöster aufgehoben hat. Als in Arnoldstein aber noch die Benediktiner weilten, war das Kloster mit einer besonderen Gnade des Himmels ausgezeichnet. Wenn nämlich die Klosterbrüder frühmorgens in die Kirche gingen, um dort ihre Andacht zu verrichten. 

So fand ab und zu einer der Mönche auf seinem Betstuhl eine duftende, weiße Rose. Diese Rose küsste er demütig, denn die Blume sandte Gott jenem Mönch als Zeichen, dass er ihn noch am gleichen Tag von seinem Erdenleben abberufen wollte. So wusste jeder Mönch, dass ihm bald die letzte Stunde schlagen werde, und er konnte sich auf den Tod vorbereiten.

Einmal kam abends eine Bettlerin mit ihrem Kind, einem Büblein, vor die Klosterpforte und zog die Torglocke. Als der Pförtner öffnete und um ihren Wunsch fragte, bat die Bettlerin um ein Essen und um ein Nachtlager. Beides erhielt sie im gastlichen Kloster. In der Nacht starb die erschöpfte Bettlerin ganz unvermutet, und Johannes, ihr Büblein, hatte nun niemanden und es konnte für immer im Kloster bleiben.

Der Knabe war brav und lernbegierig, und der Abt ließ ihn sogar die Klosterschule besuchen. Schließlich wählte Johannes den Priesterberuf. Als der junge Geistliche in der Klosterkirche zu Arnoldstein die Primiz, das erste heilige Meßofper, feierte, kamen viele Leute von allen Seiten herbei. Unter ihnen befand sich auch ein sehr schönes Mädchen. Es war die Tochter des Verwalters der Fuggerschen Güter bei Arnoldstein.

Die Fugger waren ein reiches Kaufmannsgeschlecht aus Augsburg und hatten sich hier angekauft, um die in der Umgebung gewonnen Erze zu verarbeiten. Während der junge Priester seinen Primizsegen erteilte, drängte sich die schöne Verwaltertochter nach vorne zum Altar. Als der junge, schöne Priester ihr in die Augen blickten, fühlte er in seinem Herzen eine tiefe Regung. Er errötete, und das Mädchen bemerkte, wie er seinen Blick verschämt zu Boden senkten.

An diesem Tag konnte der jung Priester nicht mehr richtig froh sein, obwohl es nach dem Gottesdienst noch allerlei Feierlichkeiten gab. Er hatte gespürt, was die Liebe bedeutet. Er wusste aber auch, dass er als Priester diese Liebe niemals erwidern durfte. Der Gedanke, dass er als Geistlicher immer allein blieben müsse, machte ihn sehr traurig. Immer sah er das liebliche Antlitz des Mädchens vor sich, und als er schlafen ging, träumte er davon And das schöne Mädchen musste er auch denken, als er am nächsten Morgen als erster in die Kirche trat. Langsam näherte er sich seinem Platz.


Doch da leuchtet ihm etwas Weißes entgegen. Zögernd nur trat er näher, denn er sah die weiße Rose. Sollte er heute noch sterben? Nein! Das ganze Leben lag vor ihm, das Leben das so schön, so verlockend sein konnte. Sein Herz bebte vor Schrecken, als er die Rose ergriff und sie auf den Platz seines Nachbarn hinlegte. Bald darauf kamen die Mönche zur Morgenandacht. Langsam schritt jeder auf seinen Platz. Auch der greise Pater Vinzenz war gekommen, der schon oft den Herrgott gebeten hatte, er möchte ihn vom Erdenleben erlösen. Und heute fand er die weiße Rose auf seinem Platz. Mit beiden Händen ergriff er die Botin des Todes und dankte Gott für die große Gnade, dass er ihn nun endlich zu sich rufen wollte. Kaum hatte sich Pater Vinzenz in den Betstuhl gekniet, so sank sein Körper leblos zu Boden.

Noch am gleichen Tag kam die Erzieherin des schönen Mädchens aus der Fuggerau in das Kloster geeilt und fragte den Pförtner, ob ihre Schutzbefohlene vielleicht hier gesehen worden sei. Sie sei in den frühen Morgenstunden von daheim fortgeschlichen, und niemand wisse seither um ihren Verbleib. Als auch der Pförtner keine Auskunft geben konnte, machten sich viele Leute auf die Suche nach dem Mädchen. Und sie fanden die Jungfrau tot am Fuße des Felsens, der das Kloster trug. Sie war freiwillig in den Tod gegangen, weil sie ihre liebe zu einem Priester als aussichtslos empfand.

Durch einen Zufall kam man jetzt dahinter, dass sie es gewesen war, die in aller Frühe die weiße Rose vom Nebenplatz in den Betstuhl des jungen Mönches gelegt hatte. Sie tat dies zum Zeichen ihrer unschuldigen Liebe. Doch davon hat der junge Geistliche nichts erfahren. Der Mönch Johannes war über das Geschen der letzten Stunden so entsetzt, dass er den ganzen Tag keine Ruhe fand. Er glaubte sich schuldig am Tode des Paters Vinzenz und fühlte sich auch mitschuldig am tragischen Tod des geliebten Mädchens. Als sich seine Seelenqual etwas gelegt hatte, gelobte er, sein weiteres Leben den Werken der Barmherzigkeit zu, um für sein Vergehen Buße zu tun. So tat er ein Jahr um das andere gute Werke.

Er opferte sich für jeden Menschen auf, dem er helfend beistehen konnte. Und er wartet Tag für Tag darauf, dass der Allmächtige die weiße Rose auf seinen Platz lege. Als ihm endlich jene Gnade erreichte, fand man den Neunzigjährigen sanft entschlafen auf dem Grabe des Paters Vinzenz, und seine Rechte hielt die weiße Rose fest umklammert. Pater Johannes war der letzte gewesen, dem das Rosenwunder zuteil wurde. Die weiße Rose von Arnoldstein hat nach seinem Tod niemand mehr gesehen. 


Auszug aus: Mathias Mayerbrugger: Sagen in Kärnten. Auflage 2004 erschienen im Verlag Johannes Heyn.

Quelle: http://www.verlagheyn.at/buch/detail/kaerntner_sagenbuch/